Zwischen Vision und Wirklichkeit: KI in der Mobilität

München, 17. Oktober 2019. Wie lässt sich mit kognitiven Systemen und maschinellem Lernen die zukünftige Mobilität gestalten? Die ZD.B-Themenplattform Vernetzte Mobilität lud in Kooperation mit dem Cluster BICCnet zur Veranstaltung „Intelligente Mobilität“ ein, die aus verschiedenen Perspektiven Antworten auf diese Frage gab.

Die Gäste der Veranstaltung wurden bereits durch die Wahl der Location auf das Thema des Nachmittags eingestimmt. Das IBM Watson IoT Center in der 21. Etage der Münchner Highlight Towers ermöglichte nicht nur eine spektakuläre Fernsicht über München auf die Alpen, sondern bot auch die Möglichkeit im Vorfeld an einer Experience Tour teilzunehmen, bei der die Potenziale einer vernetzten Welt veranschaulicht wurden. Der Gastgeber informierte außerdem über die Innovationsmethode IBM Garage.

Künstliche Intelligenz im Mobilitätsbereich beschränkt sich bei weitem nicht nur auf das Trendthema Autonomes Fahren. Diesen Punkt verdeutlichte Martin Arend (BMW Group, wirtschaftlicher Sprecher der Themenplattform Vernetzte Mobilität) bereits bei der Vorstellung der Agenda eindrücklich: So spiegelte sich allein in der Auswahl der Referenten die hohe Bandbreite der Thematik von Versicherungen über Produktionsoptimierungen bis hin zu intuitiven Anwendungen für intermodales Reisen wider.

Nach einer kurzen Vorstellung des ZD.Bs und der Themenplattform Vernetzte Mobilität durch deren wissenschaftlichen Sprecher Prof. Dr.-Ing. Reinhard German (FAU), galt es daher sich zuerst einen Überblick über das weite Feld der Künstlichen Intelligenz im Allgemeinen zu verschaffen. Diese Aufgabe übernahm Dr. Andreas Liebl von der Initiative Applied AI mit seiner ersten Keynote.

Chancen nutzen, Risiken minimieren

Liebl startete seinen Vortrag mit dem klaren Appell endlich keine Zeit mehr zu verlieren, da in seinen Augen nur noch vier bis fünf Jahre Zeit verblieben, um eine Vorreiter-Rolle im Bereich der KI zu übernehmen. Detailliert stellte er anhand von Beispielen das hohe Potenzial der Technologie dar, verwies aber auch auf einige Risiken. So gelte es, sowohl Bias durch Verzerrungen in den Datengrundlagen als auch Fehlern durch Deep Fakes und Adversial Attacks vorzubeugen. Als inspirierendes Vorzeigebeispiel für die Zukunft verwies er gegen Ende seines Vortrags auf die norwegischen Anstrengungen alle Kräfte im Bereich der autonomen Schifffahrt durch neue Partnerschaften zu bündeln.

Jan Jamaszyk von NVIDIA schlug daraufhin den Bogen zur Mobilität und gab einen Überblick zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für das Autonome Fahren. Er betonte, dass autonomes Fahren ohne den Einsatz von KI schlichtweg unmöglich sei und differenzierte daraufhin zwischen einem KI-Einsatz in der Interaktion des Autos mit seiner Umgebung sowie einem im Cockpit selbst. Um das Fernziel des Autonomen Fahrens zu erreichen sei weiterhin eine Design Automation im Entwicklungsprozess notwendig, bei der man ebenfalls fast zwangsläufig auf KI zurückgreifen müsse, um Iterationszyklen zu verkürzen.

Neue Mobilitätsformen, insbesondere in Verknüpfung mit Künstlicher Intelligenz, schaffen allerdings auch abseits der technischen Umsetzung Handlungsbedarfe. Dr. Robert Lasowski (Ergo Mobility Solutions) und Dr. Sebastian Kaiser (Munich Re) widmeten sich in ihrem gemeinsamen Vortrag der Frage, wie sich Versicherungen den Anforderungen eines diversifizierenden Mobilitätsmarktes stellen können. Unterschiedliche Faktoren wie die Nutzung oder Nicht-Nutzung eines Auto-Piloten, Ridesharing oder der Umgang mit Over-the-air-Updates erzeugen einen neuen Flexibilisierungsdruck auf klassische Geschäftsmodelle von Versicherungen. Eine spannende Idee wäre es außerdem Nutzern autonomer Fahrzeuge anstelle einer Kfz-Versicherung in Zukunft Performance-Garantien zu verkaufen.

Sicherheit als höchste Priorität

Mit diesen drei sehr unterschiedlichen Einblicken war die Grundlage für spannende Gespräche in der Kaffeepause geschaffen. Danach eröffnete Dr. Dusan Graovac von Infineon den zweiten Teil des Nachmittags, in dem er die intelligente Mobilität aus Perspektive der Halbleiterindustrie näher beleuchtete. Dabei müsse es das Ziel sein, zwei Welten zusammen zu bringen und kostenoptimiert Sicherheit zu gewährleisten. Dies könne aber nur durch eine Fokussierung auf Security-Aspekte erreicht werden, da Safety nicht ohne Security zu erreichen sei und für optimale Security auch ständig nachgebessert werden müsse. Eingesetzte KI dürfe demnach keine Blackbox sein und müsse nachvollziehbar bleiben.

Hans Windpassinger (IBM) und Dr. Mario Lochmüller (Moovster) zeigten in ihrem Vortrag zwei konkrete Anwendungsbeispiele, die auf dem IBM-Programm Watson basieren. Windpassinger präsentierte eine Lösung, die auf Basis verschiedener historischer Daten sowie Informationen über Wetter und Veranstaltungen die aktuellen Unfallwahrscheinlichkeiten für verschiedene Münchner Straßenzüge anzeigt und damit der Münchner Polizei die Arbeit erleichtert. Lochmüller stellte hingegen sein MaaS (Mobility as a service)-Unternehmen Moovster näher vor, welches Unternehmen die Möglichkeit bietet, Mitarbeitenden anstelle eines Dienstwagens flexible Mobilitätsbudgets für ganz unterschiedliche Verkehrsträger anzubieten und die Wahl nachhaltiger Verkehrsträger belohnt.

Ein Ausweg aus dem Dilemma?

Für eine ganz andere Perspektive auf das Thema erhielt der Philosoph Adriano Mannino von der LMU München viele Nachfragen und Zuspruch. Er setzte sich mit ethischen Fragen autonomer Systeme auseinander und ging dabei auf die, auch in der Öffentlichkeit viel diskutierte, Dilemma-Situation ein, bei der ein autonomes Fahrzeug nicht mehr bremsen kann und Entscheidungen über Leben und Tod treffen muss. Mögliche Lösungsstrategien konnte er anhand einer Analogie zur Medizinethik im Bereich der Organspende diskutieren. Aus ethischen Gründen seien neue Technologien außerdem vor allem dann wichtig, wenn sie dazu beitrügen Opfer- und Unfallzahlen im Straßenverkehr zu senken. Sein Fazit lautete daher: Die Technologieentwicklung sollte beschleunigt werden, solange dies nicht auf Kosten der Sicherheit geschehe.

Der Abend endete visionär: Dr. Nicholas Cummins (Universität Augsburg) nahm die Zuhörenden mit auf eine Reise in die positive Zukunft einer intelligenten und gesellschaftlich akzeptierten Mobilität. Dazu skizzierte er fünf „Bauteile“, die zum Gelingen einer solchen Vision beitragen können. Durch eine geschickte Kombination der vielfältigen Möglichkeiten in den Bereichen Deep AI, akustischer Sensoren, Bilderkennung und –verarbeitung sowie CAN-Bussen und Vernetzung ließen sich Unfallzahlen senken, der Verkehrsfluss verbessern sowie die Freude am Fahren insgesamt deutlich steigern.

Bevor Sascha Stöppelkamp vom Cluster BICCnet das Plenum verabschiedete und zum abschließenden Imbiss einlud, ermunterte er nochmal dazu das Thema aktiv voranzutreiben. Dazu zeigte er zum Abschluss noch einige mögliche bayerische Partnerinstitutionen aus dem Bereich der KI-Forschung auf.